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CONNEXI 2015-02 AIDS und Hepatitis

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Retrospektive der 6. Münchner AIDS und Hepatitis Werkstatt 2015

Wie viel

Wie viel Gesundheit braucht der Mensch? Anmerkungen zur Diktatur der Gesundheit Martin Dannecker, Berlin Gesundheit ist ein hohes Gut. Und zwar aus zwei Gründen: Zum einen haben gesundheitliche Beeinträchtigungen eine existentielle Dimension, was besonders beim Vorliegen von schweren, möglicherweise sogar lebensbedrohlichen Krankheiten erkennbar wird. Zum anderen schränken schwerwiegende gesundheitliche Beeinträchtigungen die Teilhabe an vielen Lebensbereichen ein. Aber Gesundheit ist mehr als die Abwesenheit von Krankheit. Weder gibt es jedoch ein staatlich verbürgtes Recht auf sie noch eine Verpflichtung zur Gesunderhaltung. Jeder Mensch sollte selbst bestimmen dürfen, wie gesund sein Lebensstil sein muss, damit es ein gutes Leben ist. Conferences Laut Definition der WHO ist Gesundheit „ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen“. Friedrich Nietzsche definiert Gesundheit als „dasjenige Maß an Krankheit, das es mir noch erlaubt, meinen wesentlichen Beschäftigungen nachzugehen.“ An seiner Definition wird erkennbar, dass die scheinbar gegensätzlichen Begriffe Gesundheit und Krankheit relationale Begriffe sind. Deshalb denken wir, wenn wir von Gesundheit sprechen, immer zugleich an Krankheit und umgekehrt. Auch wenn der WHO- Gesundheitsbegriff sowohl körperliches als auch geistiges und soziales Wohlbefinden einschließt, oder gerade deshalb, lässt sich daraus kein staatlich verbürgtes Recht auf Gesundheit ableiten. Darauf hat u.a. der ehemalige Verfassungsrichter Paul Kirchhof aufmerksam gemacht. „Würde der Staat“, so schreibt er, „diesen umfassenden Gesundheitsbegriff zur Grundlage rechtlicher Anordnungen machen, bewegte er sich in Richtung Diktatur. Der Mensch dürfte auch in seinem Privatbereich nicht mehr rauchen, müsste seine Essgewohnheiten vor dem Gesetz rechtfertigen, seine Sportlichkeit täglich nachweisen, seine Intimsphäre für staatliche Kontrollen öffnen. Er wäre gehalten, gesundheitspolitische, soziale, aber auch berufliche und staatsbürgerliche Verhaltensweisen zu belegen und dem Staat ... in einer jährlichen Gesundheitserklärung zu verantworten. ... An einem solchen Gesundheitsdruck würden die Menschen leiden, an ihm erkranken, in Trauer über diese bedrückende und unterdrückende Entwicklung sterben.“ [1] Dem Staat sind wegen der grundrechtlich geschützten individuellen Lebensführung im Hinblick auf die Beeinflussung des Gesundheitsverhaltens teilweise die Hände gebunden. Dennoch ist zu beobachten, dass er diese Beeinflussung wohlwollend an außerstaatliche Agenturen abgetreten hat. Und er mischt dabei kräftig mit. Man kann sich fragen, ob diese außerstaatlichen Agenturen, zu denen nicht zuletzt die Medizin gehört, nicht einen Gesundheitsdruck aufgebaut haben, der von den Individuen genau das verlangt, was Kirchhof als Elemente einer Diktatur der Gesundheit benannt hat. Gesundheit und Genuss - Wechsel der Beleuchtung Nie zuvor war die gesellschaftliche Forderung gesund zu leben lauter und nachdrücklicher zu hören, als seit etwa Mitte der 1990er Jahre. Was sich in Hinblick auf Gesundheit während dieser Zeit ereignete, lässt sich mit dem Begriff „Wechsel der Beleuchtung“ veranschaulichen. Der österreichische Philosoph Robert Pfaller möchte in seinem Buch „Wofür es sich zu leben lohnt“ mit diesem von Karl Marx entlehnten Begriff ausdrücken, dass vordem vertraute „Praktiken wie Alkoholtrinken, Rauchen, Fleisch essen“ [2] und was dergleichen mehr ist, gegenwärtig in einem völlig anderen Licht erscheinen. Was ehemals mit einer Aura von 12

Anmerkungen zur Diktatur der Gesundheit „Glamour, Eleganz und Lust“ umgeben gewesen sei, würde plötzlich als „eklig, gefährlich und politisch fragwürdig wahrgenommen“ [2]. Nicht, dass wir auch nicht schon vorher schon gewusst hätten, dass gewissen Genüssen wie Rauchen und Alkoholtrinken etwas Ungutes anhaftet, sei das Problem. Das Problem liege vielmehr darin, dass genau das Ungute einen Teil des Genusses ausmacht. Und dieser mit dem Unguten verbundene Genuss soll unter dem Diktat eines gesunden Lebens zum Verschwinden gebracht werden. Pfaller geht sogar so weit zu behaupten, dass die Art von Genüssen, die mit etwas Ungutem verbunden sind „die Gesamtheit dessen bilden, wofür sich überhaupt zu leben lohnt“ [2] und formuliert: „Ohne die Verrücktheiten der Liebe; ... ohne die Unappetitlichkeiten und Schamlosigkeiten der Sexualität; ohne die Unvernunft unserer Ausgelassenheiten, Großzügigkeiten, Verschwendungen, unserer Geschenke, Feierlichkeiten, Heiterkeiten und Rauschzustände wäre unser Leben eine abgeschmackte Abfolge von Bedürfnissen und - bestenfalls – ihrer stumpfen Befriedigung; eine vorhersehbare, geistlose Angelegenheit ohne jegliche Höhepunkte, die insofern mehr Ähnlichkeit mit den Tod hätte als mit allem, was den Namen des Lebens verdient.“ [2] Dem Leben nicht mehr Jahre, eher den Jahren mehr Leben geben Sowohl der besonnene und eher konservative Paul Kirchhof als auch der philosophische Heißsporn Robert Pfaller thematisieren den Verlust des Lebendigen durch den Zwang zur Gesunderhaltung. Wer sich einem totalen Gesundheitszwang unterwirft und ein gutes Leben auf ein gesundes Leben reduziert und Gesundheit für das höchste Gut hält, ist krank ohne sich jedoch für krank zu halten. Dadurch, dass mit dem Versprechen auf ein Prof. Dr. Martin Dannecker hansmart2@t-online.de gesundes Leben gleichzeitig das Versprechen auf ein langes Leben einhergeht, was sich freilich als Täuschung erweisen könnte, erhält das Leben als solches die höchste Priorität. Wenn wir uns aber nicht mehr fragen, wofür wir möglichst lange leben wollen und stattdessen nur um des Lebens willen lange leben möchten, wird Leben zu einem leeren Abstraktum. Ein gesundes Leben ist allen gegensätzlichen Behauptungen zum Trotz nicht gleichbedeutend mit einem guten Leben. Wir leben ja nicht, um gesund zu bleiben, sondern wir möchten gesund bleiben, um möglichst lange ein Leben zu führen, das sich zu leben lohnt. Ich bin mir längst nicht mehr sicher, ob diese Verkoppelung bei denjenigen, die sich aus gesundheitlichen Gründen beständig mäßigen und sich unablässig disziplinieren mit einer Vorstellung eines Lebens, das sich zu leben lohnt, noch durchgängig gegeben ist. Denn ihnen kommt es häufig nur auf Selbstoptimierung, nicht aber auf die Beziehungen zu anderen an. Man kann sich beispielsweise vorstellen, dass jemand gesund bleiben möchte, um möglichst lang leidenschaftliche Sexualität zu haben. Diese Conferences 13

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