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CONNEXI 2015-02 AIDS und Hepatitis

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Retrospektive der 6. Münchner AIDS und Hepatitis Werkstatt 2015

Anmerkungen zur Diktatur

Anmerkungen zur Diktatur der Gesundheit Conferences Erwartung geht aber deshalb nicht positiv auf, weil leidenschaftliche Sexualität von einem ganzen Bündel anderer Voraussetzungen abhängt und Gesundheit kein Garant für sie ist. Zudem kann man, sofern man überhaupt dazu fähig ist, leidenschaftliche Sexualität durchaus auch dann haben, wenn man krank ist. Auch ist das, was jeweils als gesund bzw. krankmachend gilt, keineswegs so gesichert, wie das in vielen Präventionsprogrammen vorgegeben wird. Nicht selten werden Erkenntnisse der Medizin, die von ihren methodischen Voraussetzungen her keineswegs in Stein gemeißelt werden dürften, vorschnell in Gesundheitsprogramme gegossen. Gleichwohl entlastet die Befolgung der gesellschaftlich durchgesetzten Gesundheitsprogramme nicht nur diejenigen, die sich an sie halten, sondern auch deren soziale Umgebung. Das aber nicht nur deshalb, weil man sich durch den Verzicht auf transgene Fette und das Trinken von Bier ohne Alkohol und Kaffee ohne Koffein in der Überzeugung sonnen kann, etwas Gutes für seine Gesundheit zu tun, sondern vor allem deshalb, weil man sich dadurch als jemand mit einem hohen Grad von Selbstverantwortung ausweist. Deshalb geschieht es auch gar nicht so selten, dass jemand, der an einer Krankheit erkrankt, die mit falscher Ernährung in Verbindung gebracht wird, dem Verdacht ausgesetzt wird, nicht genug Verantwortung für sich selbst übernommen zu haben, weil er nicht „gesund gegessen“ hat. In einer von restriktiven präventiven Verhaltenserwartungen durchzogenen Gesellschaft wird die Gesunderhaltung gleichsam zur zweiten Natur und die Präjudizierung nicht gesundheitskonformer Menschen macht sie zu Subjekten mit zumindest leichten Charakterdefekten. In dieser Zuschreibung offenbart sich freilich, dass auch bei den völlig Selbstdisziplinierten und Gemäßigten noch ein Verlangen danach lebendig ist, auch mal über die Stränge zu schlagen und sich Genüssen hinzugeben, von denen sie annehmen, dass die Anderen diesen schrankenlos verfallen sind. Aber Genuss ist etwas anderes als Sucht, auch wenn die Selbstdiziplinierten – und manche Präventionsprogramme – hinter jedem Genuss die Sucht lauern sehen. Vernunft und Genuss - ein Widerspruch? Selbstverständlich ist es nicht falsch, sich um seine Gesundheit Gedanken zu machen und es kann durchaus vernünftig sein, sein Verhalten zu ändern. Wenn die Gesunderhaltung jedoch ganz in der Vordergrund gerückt wird und man sich selbst und anderen nicht zugestehen kann, auch manchmal nicht vernünftig zu sein, bauen sich im 14

Anmerkungen zur Diktatur der Gesundheit Individuum Spannungen auf und es droht eine Spaltung der Gesellschaft, an deren Ende die Solidarität aufgekündigt wird. Manchmal nicht vernünftig zu sein, ist ja auch keineswegs gleichbedeutend mit einer Aufkündigung von Vernunft, sondern eher ein Ausdruck eines Verhältnisses zu sich selbst, das es ermöglicht manchmal auf vernünftige Weise unvernünftig sein zu können. Ein Beispiel: Ich trinke, wenn ich allein bin äußert selten etwas. Befinde ich mich jedoch in guter Gesellschaft, trinke ich in der Regel Wein und manchmal auch mal ein Glas zu viel. Dabei empfinde ich ein hohes Maß an Genuss. Und dieser Genuss ist, da bei diesem Alkohol im Spiel ist, von diesem nicht zu trennen. Auch dann, wenn ich mal ein Glas zu viel getrunken habe, gestehe ich mir das am Morgen danach mit schmunzelnder Nachsicht zu, ohne jedoch das geringste Verlangen nach Alkohol zu spüren. Für dieses, wenn auch kleine Glück der von Alkohol begleiteten Unterbrechung meines Alltags, würde ich mich zwar nicht hängen lassen wollen. Ich würde es aber mit Vehemenz gegen die Zumutung, darauf aus gesundheitlichen Gründen zu verzichten, verteidigen. Das Geschäft mit der Gesundheit - Ende des Solidarsystems Die neuesten Entwicklungen auf dem Gesundheitsmarkt sind einer breiten Öffentlichkeit durch den Versicherer Generali bekannt geworden. Generali möchte jenen Kunden bessere Konditionen anbieten, die über die Gesundheitsapp „Vitality“ ihre Fitness-Daten, ihre Ernährungsgewohnheiten und ihren Lebensstil offenbaren und dem Versicherer bereitstellen. Belohnt werden sollen die Kunden dafür mit Gutscheinen und Rabatten auf die Versicherungsbeiträge. Nach einer heftigen Diskussion, bei der es vor allem um den Datenschutz, nicht aber um das eigentliche Problem dieser gesundheitlichen Selbstvermessung ging, meldete sich am 3.2.2015 im Berliner Tagesspiegel [3] ein Vorstandsmitglied der Generali Deutschland zu Wort und verteidigt der wenig geneigten Öffentlichkeit gegenüber die Absichten seiner Firma. „Es geht“, so meint er, „um den Anreiz, gesünder zu leben und sich Gesundheitsziele zu setzen, die man erreicht und deshalb belohnt haben möchte.“ Mit anderen Worten, geht es um den Anreiz zur Akkumulation von verzinsbarem Gesundheitskapital. Es braucht wenig Phantasie, sich auszumalen, wohin das führt, zumal immer mehr Gesundheitsplattformen auf den Markt drängen, mit denen sich sowohl die aktuelle gesundheitliche Verfassung eines Menschen als auch seine Einstellung in Bezug auf Gesundheit vermessen lassen [4]. Es führt zu nichts anderem als zu einen Kampf zwischen den Besitzern eines in bare Münze umsetzbaren Gesundheitskapitals und denen, die über ein solches Kapital, aus welchen Gründen auch immer, nicht verfügen. Dieser Kampf wird vorerst an den Rändern, unter den Mitgliedern von Privatversicherungen, ausgetragen. Aber er wird über kurz oder lang auch in die gesetzlichen Krankenversicherungen hineingetragen werden. Denn die Überzeugung, dass Menschen, die aufgrund eines vermeintlich gesunden Lebensstils weniger Kosten für die Gemeinschaft der Versicherten verursachen, auch finanziell belohnt werden müssen, ist in der gegenwärtigen Gesundheitsdebatte fest verankert. Und diese Überzeugung ist durchaus von der Art das Solidarsystem aus den Angeln zu heben. Referenzen: 1. Kirchhof Paul Ein Recht auf Gesundheit? S. 43 2. Pfaller R Wofür es sich zu leben lohnt. S. Fischer 5.Auflage 2011: 15-17 3. Stefan Selke, http://www.resonanzboden.com/tag/stefanselke/ 4. Tagesspiegel v. 3. 2. 2015 POSITION. „Vitality ist ein großes Gesundheitsprogramm“ Von Christoph Schmallenbach Conferences 15

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