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CONNEXI 2018-5 AIDS und HEPATITIS

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Magazin über AIDS und Hepatitis, Retrospektive von den Münchner AIDS und Hepatitis Tagen

INTERVIEW CONFERENCES

INTERVIEW CONFERENCES Heilung niemals, zumindest nicht in unserem Lebenshorizont, kommen wird. Wir müssen uns auf Deeskalationskonzepte einstellen, wenn wir Menschen 40 Jahre lang behandeln. Man wird sich fragen müssen, ob es wirklich immer eine Dreifachtherapie sein muss oder ob man bestimmte Medikamente nicht auch weglassen kann. Wie ist der aktuelle Stand bei den dualen Therapien? Dr. Jäger: Wie die Zusammenführung aller vorhandenen Daten aus Forschungsprojekten und auch aus eigener klinischer Erfahrung bislang zeigt, ist eine Zweifachtherapie machbar. Patienten, die unter der Nachweisgrenze sind und dann von einem vorherigen Dreifach- auf ein Zweifachregime wechseln, können sehr erfolgreich behandelt werden. In z. T. noch laufenden Studien gibt es auch erste Indikatoren dafür, dass das für Patienten, die primär mit Zweifachtherapie beginnen, zutrifft. Ich denke, dass wir auch bei naiven Patienten sofort mit einer Zweifachtherapie beginnen können, wenn die Studien weiter so gut aussehen wie bis jetzt. Der Markt und die klinischen Erfahrungen in der nächsten Zeit werden zeigen, welche die optimalen dualen Therapien sind. Dr. Hoffmann: Allerdings muss man einwenden, dass bisher noch keine Zweifachstudie gezeigt hat, dass sie tatsächlich besser verträglich ist. Unsere Intuition sagt uns, je weniger desto besser. Aber bewiesen ist das bisher noch nicht. Ich würde deshalb sagen, wir haben gut funktionierende Therapien, die einfach einzunehmen sind und die gut vertragen werden. Deshalb können wir uns Zeit nehmen, Schritt für Schritt zu testen, ob das Eis hält, und wir müssen jetzt nicht gleich alle auf den frisch zugefrorenen See laufen. Worauf konzentriert sich aktuell die Forschung nach neuen Wirkmechanismen? Dr. Hoffmann: Gerade auf der CROI ist in den letzten Jahren eine ganze Reihe von neuen Möglichkeiten vorgestellt worden, das HI-Virus zu eliminieren. Aber wir sind nach 25 Jahren HIV- Therapie etwas vorsichtiger geworden, wenn es sich um Wirkmechanismen handelt, die noch nicht einmal am Mausmodell getestet worden sind. Die müssten erst einmal zeigen, dass sie besser sind als das, was wir heute haben. Es wird auch zunehmend schwierig, klinische Studien aufzulegen, weil die Therapie heute so gut ist – 93 % der Patienten sind unter der Nachweisgrenze. Es gibt in Deutschland kaum noch Patienten ohne Therapie-Optionen. Und selbst Patienten mit Resistenzen, die intensivierte Therapien bekommen, sind relativ zufrieden mit ihrer Therapie. Dr. Jäger: Einen neuen Hoffnungsschimmer gibt es. Es läuft eine Studie beim NIH in den USA, die leider auf der CROI nicht vorgestellt wurde, die gezeigt hat, dass der Einsatz von Vedolizumab im Affenmodell offenbar zur Heilung von SIV geführt hat. Es ist ein Antikörper, der schon in der Medizin bekannt ist für die Therapie von M. Crohn und Colitis ulcerosa. Das Medikament ist auf dem Markt und hat sich bereits in seiner Wirksamkeit und Verträglichkeit bewährt. Damit laufen jetzt Humanstudien. Nähere Informationen dazu sind aber frühestens Ende des Jahres zu erwarten. Wir müssen dann sehen, ob das Medikament beim Menschen das leistet, was im Affensystem offenbar funktioniert, nämlich über mehrere Jahre Virusfreiheit zu erzielen. Eines der als besonderer Schwerpunkt ausgewiesenen Themen der MAHT war Medizin-Ethik. Warum gerade jetzt dieser besondere Schwerpunkt, und worum ging es dabei? Dr. Jäger: Der Bereich HIV/Aids umfasst eine Vielzahl von medizinischen, psychologischen, sozialarbeiterischen, theologischen und letztlich auch 10

INTERVIEW medizinethischen/-juristischen Fragestellungen. Die Medizinethik ist so etwas wie die Schnittstelle mit dem Medizinrecht. Das wurde bei den letzten Tagungen immer etwas vernachlässigt. Wir haben deswegen auf Initiative der Medizinethiker dieses Thema ins Programm aufgenommen. Es spielt beispielsweise eine große Rolle bei der Frage, wie bei Kinderwunsch mit Embryonen umgegangen werden soll. Es gibt sehr unterschiedliche Verfahrensweisen in unterschiedlichen Ländern, z. B. in Deutschland und in Frankreich. Deswegen gehen viele Kinderwunschpaare nach Strasbourg. Aber schon die offizielle Empfehlung in ein Land zu gehen, wo eine andere Embryonenpolitik praktiziert wird, kann strafbar sein. Da wir es im HIV-Bereich mit einer Normalisierung zu tun haben, die auch die Familienplanung betrifft, müssen wir uns damit beschäftigen, wie es in Deutschland damit weitergehen kann. Darüber hinaus ging es auch um andere medizinethische Fragen wie z. B. zum Einsatz von Pflegerobotern, die füttern, waschen und ähnliche Dinge erledigen. Wir haben nicht genügend Krankenpflegepersonal, und die ausländischen Fachkräfte werden nicht reichen. Pflegeroboter gibt es zwar noch nirgendwo auf der Welt, aber sie werden kommen. Die Japaner sind schon etwas weiter als wir. Nachdem es in der Landwirtschaft hochsensible Melkroboter gibt, nachdem es im urologischen Bereich schon lange robotische Unterstützung bei sehr fein ziselierten Operationen gibt, ist es nur eine Frage der Zeit, bis wir die Roboter haben. Das Heben von heute häufig übergewichtigen Patienten zu Hause wird dazu führen, dass unsere schlecht bezahlten Pflegekräfte irgendwann das Handtuch werfen und sich krank melden. Dann kommt jemand anderes und das vielleicht alle vier Wochen. Nun kann man sagen, ich möchte nicht von einem Roboter gepflegt werden. Das ist ein frommer Wunsch, weil die Pflegerealität vor Ort so ist, dass es noch viel schlimmer ist, von schlecht gelaunten, durch Rückenschmerzen geplagten unterbezahlten Pflegerinnen und Pflegeren betreut zu werden als von einem Roboter. In einer Veranstaltung unter dem Titel Corner Stone Labs ging es um „HIV in Ostdeutschland – ein gemeinsames Projekt“. Diese besondere Charakterisierung „Ostdeutschland“ scheint fast 30 Jahre nach der Herstellung der Einheit Deutschlands noch relevant zu sein. Um welches Projekt geht es? Dr. Jäger: Wir wurden gebeten, ein Phänomen auf der Tagung zu thematisieren: Die Epidemiologie in den neuen Bundesländern ist anders als im Westen. Die Mauer hatte damals durchaus einen Schutzeffekt, wie ein Kondom. Sowohl die Sexualität in den neuen Bundesländern unterschied sich in den sozialistischen Zeiten von der im Westen als auch die Durchdringung mit HIV. Die war in der DDR viel niedriger. Langsam gleicht sich das jetzt ein wenig an. Aber wir haben den Eindruck, dass Ärzte in Ostdeutschland HIV oft noch weniger im Blick haben als im Westen (obwohl es hier auch ein Gefälle gibt von der Großstadt über kleinere Städte bis in ländliche Gebiete). Dort, wo die Awareness geringer ist, werden HIV-Infektionen in jedem Fall viel später diagnostiziert. Kollege Dr. Schleenvoigt in Jena, mit dem wir schon sehr lange gemeinsame Forschungsprojekte machen, beschäftigt sich sehr intensiv damit, dass der Anteil der Late Presenter in Ostdeutschland noch höher als im Westen ist. In dem aktuellen Projekt geht es darum, in welchem Zustand sich diese Late Presenter befinden, die getestet werden. Welche Unterschiede gibt es, vielleicht ist es gar nicht Ost-West, sondern Stadt-Land, was den größeren Unterschied ausmacht. Vielleicht ist der Ost-West-Unterschied inzwischen nur noch ein allgemeiner Eindruck. CONFERENCES 11

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