Aufrufe
vor 11 Monaten

CONNEXIPLUS 2020-4 Kardiorenale Achse

  • Text
  • Kardiorenale
  • Studie
  • Cardiovascular
  • Erkrankungen
  • Connexiplus
  • Diabetes

WECHSELWIRKUNGEN

WECHSELWIRKUNGEN Auswirkungen der unbehandelten Parodontitis auf den Diabetes Petra-Maria Schumm-Draeger, München connexiplus Aufgrund der stetig steigenden Diabetesprävalenz in Deutschland (7,5–8 Mio. Menschen mit Diabetes), gerade auch im höheren Lebensalter (bei den Über-80-Jährigen mehr als 30–35 % Diabeteshäufigkeit), ist die effektive Behandlung dieser Erkrankung von zunehmender gesundheitspolitischer Bedeutung [1]. Bei der Behandlung des Typ-2-Diabetes mellitus – ca. 95 % der Menschen mit Diabetes – stehen frühzeitige Diagnostik, Therapiebeginn mit Lifestyle-Intervention, antidiabetischer Therapie und konsequenter individuell ausgerichteter Behandlungsintensivierung mit dem Ziel einer stetig guten, stabilen und sicheren Stoffwechseleinstellung im Vordergrund [2]. Umfangreiche Studiendaten zeigen klar, dass zur Reduktion akuter Stoffwechselentgleisungen und Komplikationen sowie der Manifestation diabetesassoziierter mikro- und makrovaskulärer Folgeerkrankungen – über die Kontrolle aller Risikofaktoren (vor allem optimale Kontrolle von Glukose- und Fettstoffwechsel, Blutdruck, Gewicht) hinaus – „orale“ Manifestationen des Diabetes und hier die sehr häufigen Parodontalerkrankungen, insbesondere die Parodontitis als entzündliche Erkrankung des Zahnhalteapparates, Beachtung finden müssen, die gleichzeitig bedeutende Diabetesfolgeerkrankungen sind [3–5]. Parodontalerkrankungen sind altersassoziiert. In Deutschland hat jeder zweite jüngere Erwachsene (52 %; 35–44-Jährige) eine behandlungsbedürftige Parodontalerkrankung, davon weisen 43,4 % eine moderate und etwa jeder Zehnte eine schwere Parodontitis auf. Bei jüngeren Senioren (65–74-Jährige) weist jeder zweite eine moderate und jeder fünfte eine schwere Parodontitis auf, bei den Über-75–100-Jährigen sind neun von zehn Menschen betroffen. Durch den demografischen Wandel werden sowohl Parodontalerkrankungen als auch Diabetes mellitus Typ 2 in den kommenden Jahrzehnten stetig zunehmen [6]. Bei einer unbehandelten Parodontitis kommt es über die stetig zunehmende entzündliche Erkrankung des Zahnhalteapparates (Gingiva, Alveole, Peridontium) zur Beteiligung des Alveolarknochens mit Verlust des zahnhaltenden Gewebes einschließlich des Alveolarknochens, zu vermehrter Sondierungstiefe (Taschenbildung zwischen Zahnfleisch und Zahn, Besiedlung durch parodonto-pathogene Mikroorganismen) mit Blutung bei Sondierung und Zahnmobilität/-verlust [3]. Ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung einer Parodontitis besteht mit zunehmendem Lebensalter, durch das Rauchen, Stresssituationen, ungesunde Ernährung (Süßigkeiten!) sowie ungenügende Mund-/Zahnhygiene/-pflege, bei erblicher Belastung, durch Schwangerschaften, aber insbesondere bei Menschen mit einer Diabeteserkrankung. 38

Wechselwirkungen zwischen Parodontitis und Diabetes Dabei besteht ein wechselseitiges Verhältnis zwischen Diabetes und Parodontitis: Während Diabetes sowohl Entstehung, Fortschreiten als auch Schweregrad der Parodontitis begünstigt, beeinflusst die unbehandelte Parodontitis die Stoffwechselkontrolle des Diabetes ungünstig, vor allem durch eine Verstärkung der Insulinresistenz, wie das auch bei anderen schweren chronischen Entzündungen der Fall ist. Gleichzeitig ist das Risiko von Diabetesfolgeerkrankungen erhöht, sowohl im Hinblick auf deren Entstehung und Verlauf als auch im Hinblick auf Morbidität und Mortalität der betroffenen Menschen mit Diabetes [7–9]. Bemerkenswert ist, dass schon bei Menschen ohne bekannte Diabeteserkrankung der Blutglukosespiegel mit Parodontitis bzw. deren Schweregrad assoziiert ist und das Risiko für die Entstehung einer gestörten Glukosetoleranz, Insulinresistenz oder eines manifesten Diabetes mellitus als Folge der unbehandelten parodontalen Erkrankung signifikant erhöht ist [10]. Menschen mit Diabetes und schlechter Blutzuckerkontrolle sowie unbehandelter Parodontitis verlieren über einen Zeitraum von fünf Jahren doppelt so viele Zähne wie solche mit guter Stoffwechselkontrolle oder ohne Diabetes [11]. So können nur durch eine erfolgreiche, vom spezialisierten Parodontologen durchgeführte Therapie der parodontalen Infektion unter Berücksichtigung aller klinisch relevanten lokalen Symptome, kombiniert mit optimaler Stoffwechsel- und Blutzuckerkontrolle der gesamte Gesundheitsstatus, einschließlich diabetischer Folgeerkrankungen, bei Menschen mit Diabetes verbessert werden [12]. Interdisziplinäre Behandlungsstrategie Praktische Konsequenz aus der aktuellen Datenlage ist es, dass eine interdisziplinäre Behandlungsstrategie zwischen ärztlichem und zahnärztlichem Team umgesetzt werden muss: Erfolgreiche Parodontaltherapie gelingt nur bei guter glykämischer Kontrolle. Ein ganzheitlicher interdisziplinärer Ansatz ist erforderlich. Hauptdiagnose Diabetes + Parodontitis Hauptdiagnose Parodontitis + Diabetes Parodontitis-Status unbekannt Anamnestische Abfrage Blutung. Rötung, Zahnfleischschwellung, Suppuration, persistierende Halitose, Zahnlockerung, -wanderung, -verlust Zahnärztliche Konsultation: Erhebung eines parodontalen Komplettbefundes Diabetes unbekannt Anamnestische Abfrage: BMI, Schwangerschaftsdiabetes, Bluthochdruck, Blutzucker Ärztliche Konsultation: Diagnose und Blutzuckereinstellung Diabetes bekannt Bei schlechter Blutzuckerkontrolle (HbA1c >7,0 %) diabetologische Konsultation Keine Parodontitis Jährliche zahnärztliche Überweisung zum PSI Parodontitis Systematische PAR-Therapie HbA1c 140 mg/dl diabetologische Konsultation Abk.: PAR, Parodontitis; PSI, Parodontaler Screening-Index Abbildung 1: Interdisziplinärer Untersuchungsalgorithmus: Parodontitis als Risikofaktor bei Diabetes (modifiziert nach [3]). connexiplus 39

connexi Jahrgänge

connexi Themen