Aufrufe
vor 6 Jahren

CONNEXI 2015-01 Schmerz und Palliativmedizin

  • Text
  • Schmerzkongress
  • Patienten
  • Schmerz
  • Behandlung
  • Chronischen
  • Deutschen
  • Etoricoxib
  • Conferences
  • Therapie
  • Neuropathischen
  • Chronifizierung
Retrospektive vom Deutschen Schmerzkongress 2014

Neuropathische

Neuropathische Schmerzen Sind multimodale Behandlungsprogramme wirksam? Susann Seddigh, Mainz Die Überlegenheit multimodaler Programme zur Behandlung chronischer Rücken- und Kopfschmerzen ist im Hinblick auf die Lebensqualität, die allgemeine Aktivierung und die Schmerzlinderung belegt. Der Effekt ist nachhaltig durch Verbesserung des eigenkompetenten Umganges mit den Schmerzen und kosteneffizient, da nach Durchlaufen der in der Regel aufwendigen Behandlungsprogramme weniger medizinische Leistungen in Anspruch genommen werden und die Fehlzeiten am Arbeitsplatz rückläufig sind. Programme mit einem intensiven kognitiv verhaltenstherapeutischen Anteil scheinen besonders hilfreich zu sein, wobei die Kombination mit einer medikamentösen Kopfschmerzprophylaxe für die Migräne und chronische Spannungskopfschmerzen die besten Behandlungsergebnisse ergab. Neuropathische Schmerzen müssen von diesen Schmerzsyndromen abgegrenzt werden, da eine Läsion oder Erkrankung des somatosensorischen Systems vorliegt und somit die Schmerzverarbeitung verändert ist. Dabei handelt es sich nicht um eine einheitliche Patientengruppe. Neuropathische Schmerzen können nach Läsionen im Bereich des zentralen Nervensystems, z. B. nach einem Schlaganfall oder nach einer traumatischen oder entzündlichen Rückenmarksläsion, auftreten. besonders heftig wahrgenommen wird. Genaue Zahlen zur Häufigkeit psychologischer Komorbiditäten, die mit neuropathischen Schmerzen einhergehen, gibt es allerdings kaum. Es wird nur davon ausgegangen, dass Depressionen und Angsterkrankungen gehäuft vorkommen. Ziel unserer Untersuchung war es, die Beeinflussbarkeit des Beschwerdekomplexes, der bei Patienten mit neuropathischen Schmerzen als Hauptschmerz besteht, zu untersuchen und die Nachhaltig positive Effekte auf Schmerzstärke, schmerzbedingte Beeinträchtigung und Lebensqualität. Conferences Erkrankungen des peripheren Nervensystems umfassen z. B. Polyneuropathien, postzosterische Neuralgien, Mononeuro- oder Plexopathien unterschiedlicher Genese. Auch das komplexe regionale Schmerzsyndrom mit und ohne Nervenläsion wird zu den neuropathischen Schmerzsyndromen gezählt. Die Prävalenz wird auf ca. 7–8 % geschätzt. Neuropathische Schmerzen sind in der Regel belastungsunabhängig, oftmals sind sie dauernd vorhanden und gehen mit zusätzlichen Schmerzattacken einher. Die hohe Intensität, geringe Beeinflussbarkeit und Unvorhersehbarkeit macht die Beschwerden häufig sehr belastend, gerade weil auch der Schmerz in den Ruhe- und Entspannungsphasen Wirksamkeit eines multimodalen Behandlungsprogrammes in einem tertiären Schmerzzentrum zu überprüfen. Patienten und Methodik Es wurden 57 Patienten, die stationär in einem tertiären Schmerzzentrum behandelt wurden, in die Studie aufgenommen. Das durchschnittliche Alter lag bei 58 Jahren und die Betroffenen litten im Schnitt 3,8 Jahre unter neuropathischen Schmerzen. Am häufigsten waren radikuläre Syndrome, komplexe regionale Schmerzsyndrome, Poly- und Mononeuropathien sowie Trigeminusneuralgien. 14

Sind multimodale Behandlungsprogramme wirksam? Zur Beurteilung der Behandlungseffekte wurden vor, unmittelbar nach und vier Wochen nach der Behandlung Schmerzstärke, sensorisches und affektives Schmerzerleben, schmerzbedingte Beeinträchtigung, die Lebensqualität, der allgemeine Depressionsscore sowie Scores zur Beurteilung von Behandlungseffekten (Neuropathic Pain Scale, NPS) und zur Diagnostik neuropathischer Schmerzen (Leeds Assessment of Neurological Symptoms and Signs, LANSS) untersucht. Als Kontrollzeitraum diente der Abschnitt von der Anmeldung bis zur stationären Aufnahme, da in diesem Zeitraum keine relevanten Modifikationen der bestehenden Therapie erfolgten. Die Patienten erhielten eine semistandardisierte 17–21-tägige multimodale Behandlung mit Physiotherapie in Einzel- und Gruppenbehandlung, psychologische Einzelgespräche sowie eine kognitiv behavoriale, um akzeptanzbasierte Inhalte erweiterte Gruppentherapie. Die Pharmakotherapie orientierte sich an den Guidelines der European Federation of the Neurological Societies und der International Association for the Study of Pain. Invasive Regionalanästhesie wurde in ausgewählten Fällen eingesetzt und orientierte sich an den Empfehlungen der Neu- PSIG (Special Interest Group of Neuropathic Pain). Ergebnisse Alle Outcome-Parameter waren bei Entlassung hochsignifikant gebessert gegenüber den Werten bei Anmeldung und zum Zeitpunkt der stationären Aufnahme (p > 0,001). Dieser Effekt blieb auch vier Wochen nach Entlassung stabil, die Schmerzstärke war nach Entlassung sogar noch weiter signifikant rückläufig (p > 0,05). Die Effektstärken nach Cohen für ungleichgroße Gruppen zeigten große und mittlere Effektstärken, was für eine gute praktische Konsequenz für die Betroffenen spricht. Dr. med. Susann Seddigh susann.seddigh@drk-schmerz-zentrum.de Schlussfolgerungen und Ausblick Erstmals konnte gezeigt werden, dass multimodale Behandlungsprogramme, ähnlich denen, die für Rücken- und Kopfschmerz zur Anwendung kommen, auch bei Patienten mit neuropathischen Schmerzen hilfreich sind. Die Effekte wirken sich auf die Schmerzstärke, aber auch auf die schmerzbedingte Beeinträchtigung und die Lebensqualität nachhaltig aus. Affektives Schmerzerleben und allgemeiner Depressionsscore waren signifikant rückläufig. Der psychologische Distress ist erhöht, psychiatrische Diagnosen wie Depressionen und Angsterkrankungen waren gegenüber der Allgemeinbevölkerung nicht wesentlich erhöht. Eine weitere Subgruppenanalyse der unterschiedlichen Krankheitsbilder ist sinnvoll, kann aber erst mit größeren Patientengruppen erfolgen, ebenso ist die Nachevaluation sechs Monate nach Behandlung geplant. Conferences 15

connexi Jahrgänge

connexi Themen