Aufrufe
vor 5 Jahren

CONNEXI 2017-02 Schmerz

Kann man

Kann man Schmerz messen? Tabelle 2: Korrelationstabelle mit Determinationskoeffizienten zur Bestimmung der konvergenten Validität verschiedener Skalen zur Erfassung der Schmerzintensität im Rahmen einer multimodalen Schmerztherapie. Durchschnittliche Schmerzstärke Durchschnittliche Schmerzstärke ORQ_T1 McGill_T1 Korff_T1 MPI_T1 Korrelationskoeffizient 1,000 ,793 ,457 ,914 ,784 Determinationskoeffizient ,629 ,209 ,835 ,615 Sig. (2-seitig) ,000 ,000 ,000 ,000 SUM_ORQ_T1 Korrelationskoeffizient 1,000 ,497 ,813 ,833 Determinationskoeffizient ,247 ,661 ,694 Sig. (2-seitig) ,000 ,000 ,000 SUM_McGill_T1 Korrelationskoeffizient 1,000 ,499 ,471 Determinationskoeffizient ,249 ,222 Sig. (2-seitig) ,000 ,000 SUM_Korff_T1 Korrelationskoeffizient 1,000 ,825 Determinationskoeffizient ,681 Sig. (2-seitig) ,000 Abk.: ORQ, Obstacles for Return to Work; McGill, McGill pain questionnaire; Korff, chronic pain grade, hier Subskala Charakterische Schmerzstärke; MPI, Multidimensional Pain Inventory Conferences Die Ergebnisse sind als Voranalyse zu werten und können aufgrund der geringen Stichprobengröße und des deutlich reduzierten Alphaniveaus nicht generalisiert werden. Es zeigen sich jedoch Hinweise auf methodische Unterschiede in der Anwendung von Skalen zur Messung der Schmerzintensität in Abhängigkeit von deren Beschaffenheit. Es konnte eine konvergente Validität zwischen allen numerisch präsentierten Skalen (MPI, ORQ, von Korff und NRS) gefunden werden, unabhängig, ob diese ein- oder mehrdimensional waren. Es ergab sich keine übereinstimmende Validität dagegen zwischen diesen Skalen und der verbalen Präsentation (McGill). Zum einen kann dies darauf zurückgeführt werden, dass in allen numerisch präsentierten Skalen die NRS als Grundlage dient; zum anderen sind die verbalen Präsentationen des McGill auch auf Schmerzqualitäten hin ausgelegt. Vor diesem Hintergrund sind die Ergebnisse zur Sensitivität jedoch kritisch einzuordnen – hier zeigte nur der ORQ (bestehend aus Schmerzintensität und dem Gefühl der Beeinträchtigung) die Abbildung einer ausreichenden Effektstärke, auch wenn die prozentuale Veränderung von 33 % selbst hier nicht erreicht wurde. Diskussion Auch wenn die NRS eine hohe Übereinstimmung zu multidimensionalen Skalen zur Erfassung der Schmerzstärke auswies, ist ihre Sensitivität nicht ausreichend, um Effekte einer zufriedenstellenden Schmerzreduktion im Rahmen einer multimodalen Schmerztherapie abzubilden. Mehrere Aspekte müssen hier für die Einordnung der 20

Kann man Schmerz messen? Ergebnisse berücksichtigt werden: Es ist anzunehmen, dass Patienten mit bereits langanhaltenden chronischen Schmerzen ihre Schmerzstärke auch im Rahmen einer multimodalen Schmerztherapie nicht mehr wesentlich verändern können. Unter der Voraussetzung eines multidimensionalen Verständnisses von Schmerz ist es denkbar, dass einige Aspekte des Schmerzerlebens (z. B. Beeinträchtigung) stärker verändert werden, während andere (wie die sensorischen Anteile der Schmerzerfahrung) sich nicht wesentlich ändern. Diese Vermutung wird gestützt durch die Beobachtung, dass der ORQ als ein multidimensionales Konstrukt von Schmerzintensität am sensitivsten erschien. Der ORQ beinhaltet neben dem sensorischen Aspekt der Schmerzintensität auch die Beeinträchtigung. Damit wäre anzunehmen, dass die Effekte der multimodalen Schmerztherapie am ehesten über eine Veränderung der Bewältigung chronischer Schmerzen durch ihren aktivierenden Ansatz zu beschreiben ist. Schlussfolgerungen Diese Ergebnisse stützen den eingangs erwähnten Hinweis [2], dass eine eindimensionale Skala zur Erfassung eines multidimensionalen Gefüges wie Schmerzerleben im Rahmen eines multidimensionalen Therapieansatzes möglicherweise nicht angemessen ist. Dies ist sowohl für die Effektivitätsforschung bedeutsam als auch für Ansätze des Qualitätsmanagements, das durch Benchmarking sowohl die Einordnung der eigenen Einrichtung im Vergleich zu anderen Einrichtungen als auch eine interne Evaluation ermöglicht. Für die Schmerztherapie ist Qualitätssicherung ein wesentliches Merkmal und kann über KEDOQ (Kerndokumentation und Qualitätssicherung) und den Deutschen Schmerzfragebogen [4, 5] flächendeckend verwendet werden. Dr. rer nat. Dipl.-Psych. Ulrike Kaiser ulrike.kaiser.usc-tkl@uniklinikum-dresden.de Referenzen 1. Deckert S, Kaiser U, Kopkow C et al. A systematic review of the outcomes reported in multimodal pain therapy for chronic pain. Eur J Pain 2016; 20(1): 51–63. 2. Ballantyne JC, Sullivan MD. Intensity of chronic pain – The wrong metric? N Engl J Med 2015; 373(22): 2098–9. 3. Farrar JT, Young JP jr, LaMoreaux L et al. Clinical importance of changes in chronic pain intensity measured on an 11-point numerical pain rating scale. Pain 2001; 94:149–58. 4. Nagel B, Gerbershagen HU, Lindena G, Pfingsten M. Entwicklung und empirische Überprüfung des Deutschen Schmerzfragebogens der DGSS. Der Schmerz 2002; 16(4): 263–70. 5. Casser HR, Hüppe M, Kohlmann T et al. Deutscher Schmerzfragebogen (DSF) und standardisierte Dokumentation mit KEDOQ-Schmerz. Der Schmerz 2012; 26(2): 168–75. Conferences 21

connexi Jahrgänge

connexi Themen