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CONNEXI 2017-02 Schmerz

Die individuelle

Die individuelle Schmerzempfindlichkeit Einsatzgebiet des Pain Sensitivity Questionnaire Ruth Ruscheweyh, München Es ist allgemein bekannt, dass die Schmerzempfindlichkeit individuell sehr unterschiedlich ist. Diese Unterschiede haben auch klinische Bedeutung. Zum Beispiel haben schmerzempfindlichere Menschen im Mittel auch einen stärkeren postoperativen Schmerz [1]. Menschen mit idiopathischen chronischen Schmerzerkrankungen, wie z. B. unspezifischen chronischen Rückenschmerzen, haben eine erhöhte Schmerzempfindlichkeit, die nicht auf die klinisch betroffenen Bereiche beschränkt ist [2–4]. Diese Entdeckung hat einen bisher noch nicht entschiedenen Disput ausgelöst, ob die erhöhte Schmerzempfindlichkeit vorbestehend ist und einen Risikofaktor für die Entwicklung einer chronischen Schmerzerkrankung darstellt, oder ob sie sich im Verlauf der Erkrankung entwickelt [5, 6]. Conferences Es gibt also viele gute Gründe, die Schmerzempfindlichkeit im klinischen Alltag und in großen, epidemiologischen Studien zu messen. Üblicherweise wird die Schmerzempfindlichkeit mittels experimenteller Schmerztests quantifiziert, z. B. durch die Messung von Schmerzschwellen oder die Bewertung der Schmerzintensität überschwelliger Schmerzreize. Die experimentelle Schmerzreizung ist jedoch aufwendig, da Personal und teilweise teure Geräte benötigt werden. Je nach Test ist sie auch unangenehm für den Patienten. 26

Die individuelle Schmerzempfindlichkeit Daher gibt es schon seit längerem Bestrebungen, die Messung der Schmerzempfindlichkeit zu vereinfachen. Wir haben zu diesem Zweck einen Fragebogen entwickelt, der vom Patienten oder Probanden in 5–10 Minuten ausgefüllt wird und eine Abschätzung der Schmerzempfindlichkeit erlaubt [7]. Der Schmerzempfindlichkeitsfragebogen (Pain Sensitivity Questionnaire, PSQ) besteht aus 14 Fragen (plus 3 Kontrollfragen). In dem Fragebogen wird die Schmerzhaftigkeit verschiedener vorgestellter Situationen (z. B. sich das Schienbein an einer harten Tischkante stoßen) auf einer Skala von 0 (kein Schmerz) bis 10 (stärkster vorstellbarer Schmerz) bewertet. Die Fragen umfassen verschiedene Schmerzarten wie Hitze- und Kälteschmerz oder spitzer und stumpfer Schmerz sowie Schmerzreize an verschiedenen Körperstellen. Der Gesamtscore errechnet sich als Mittelwert über die 14 Fragen und liegt bei Gesunden im Mittel bei etwa 3,6. Es bestehen eine hohe Reliabilität und gute Korrelationen (Pearsons r = 0,56 bis 0,71) mit den Ergebnissen der experimentellen Schmerzintensitätsmessung. Dagegen finden sich keine oder schwache Korrelationen mit den Schmerzschwellen, die eine getrennte Dimension der Schmerzempfindlichkeit darstellen. Der Schmerzempfindlichkeitsfragebogen kann also zur Abschätzung der allgemeinen Schmerzempfindlichkeit auf überschwellige Schmerzreize verwendet werden [7, 8]. Es existieren Übersetzungen in mehrere Sprachen. Vorhersage von postoperativem Schmerz Priv.-Doz. Dr. med. Ruth Ruscheweyh ruth.ruscheweyh@med.uni-muenchen.de Bei allgemeinchirurgischen Patienten und bei Frauen mit einer Thyroidektomie war ein präoperativ erhöhter PSQ mit postoperativ erhöhten Akutschmerzen assoziiert [9, 10]. Der PSQ konnte also den postoperativen Akutschmerz vorhersagen. Genauso wie für die experimentelle Schmerzmessung ist diese Vorhersage allerdings nicht absolut, sondern erklärt nur einen (kleineren) Teil des postoperativen Akutschmerzes. Für eine klinisch sinnvolle Vorhersage des postoperativen Akutschmerzes müssen also sicherlich mehrere Faktoren kombiniert werden, zum Beispiel muss auch der Einfluss von psychologischen Faktoren wie Angst, Katastrophisieren, Schmerzerwartung, Geschlecht, Alter und die Invasivität des Eingriffs sowie die geplante Schmerztherapie berücksichtigt werden. Entsprechende Konzepte werden aktuell erarbeitet. Schmerzempfindlichkeit bei chronischen Schmerzpatienten Ebenso wie bei der experimentellen Schmerzmessung findet sich auch mit dem PSQ eine erhöhte Schmerzempfindlichkeit bei Patienten mit idiopathischen chronischen Schmerzerkrankungen [8]. Die meisten bisherigen Studien sind klein und wurden an Patienten aus Schmerzambulanzen und Conferences 27

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