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CONNEXI 2017-02 Schmerz

Die individuelle

Die individuelle Schmerzempfindlichkeit spezialisierten Zentren durchgeführt, und schließen deshalb vorzugsweise schwer betroffene Patienten ein. Aktuell wird der PSQ in einer großen epidemiologischen Studie mit mehreren tausend Personen eingesetzt, um zu untersuchen, ob auch in der Allgemeinbevölkerung ein Zusammenhang zwischen chronischen Schmerzerkrankungen und erhöhter Schmerzempfindlichkeit besteht. Falls ja, wäre dies die Grundlage für Längsschnittstudien zur Bedeutung der Schmerzempfindlichkeit. Hierzu müsste man größere Kollektive aus der Allgemeinbevölkerung über längere Zeiträume beobachten, um festzustellen, ob Menschen, die bei der Depression im Gehirn). Es gibt also gute Gründe, bei Depressiven eine erhöhte Schmerzempfindlichkeit zu vermuten. Bisherige Studien zeichnen allerdings ein sehr heterogenes Bild. Ein Teil der Studien zeigte sogar eine herabgesetzte Schmerzempfindlichkeit. Dies könnte zum Teil daran liegen, dass es viele zusätzliche Einflussfaktoren (Confounder) gibt, die das Ergebnis verfälschen können; zum Beispiel ist schlechte Schlafqualität eine typische Begleiterscheinung der Depression, erhöht aber auch die Schmerzempfindlichkeit. Medikamente wie trizyklische Antidepressiva haben einen Einfluss sowohl auf Der PSQ bietet eine einfache Möglichkeit, die individuelle Schmerzempfindlichkeit mithilfe eines Fragebogens abzuschätzen Conferences im Verlauf der Studie eine chronische Schmerzerkrankung entwickeln, schon zu Beginn der Studie eine erhöhte Schmerzempfindlichkeit aufwiesen. Dies würde bedeuten, dass Menschen mit erhöhter Schmerzempfindlichkeit ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung einer Schmerzerkrankung haben. Das wiederum würde eventuell gezielte präventive Interventionen erlauben. Schmerzempfindlichkeit und Depression Menschen mit depressiven Erkrankungen haben häufiger Schmerzen, und chronische Schmerzpatienten haben häufiger Depressionen. Bei beiden Erkrankungen spielt eine Dysfunktion der serotonergen und noradrenergen Neurotransmission eine Rolle (beim Schmerz auf Rückenmarksebene, Depression als auch auf Schmerz. Für eine Kontrolle vieler möglicher Einflussfaktoren sind große Fallzahlen notwendig. Wir untersuchten daher im Rahmen der großen, epidemiologischen Münsteraner BiDirect-Studie (735 Depressive, 456 Gesunde) den Zusammenhang zwischen PSQ-Scores und Depression unter Berücksichtigung von Schlafqualität, physischer Aktivität, Medikamenteneinnahme, Vorhandensein einer Schmerzerkrankung und weiteren Faktoren. Auch nach Kontrolle für all diese Faktoren zeigte sich eine signifikant erhöhte Schmerzempfindlichkeit bei den Depressiven [11]. Interessanterweise waren die initial ebenfalls erhöhten Druckschmerzschwellen am Finger nach Kontrolle für diese Einflussfaktoren nicht mehr signifikant unterschiedlich zwischen den Depressiven und Kontrollen. Dies zeigt einmal mehr, dass die Schmerzintensitätsbewertungen und die Schmerz- 28

Die individuelle Schmerzempfindlichkeit schwellen unterschiedliche, unabhängige Dimensionen der Schmerzempfindlichkeit sind. Schmerzempfindlichkeit bei neuropathischem Schmerz Während die Erhöhung der Schmerzempfindlichkeit bei idiopathischen chronischen Schmerzerkrankungen gut belegt ist, gibt es für den neuropathischen Schmerz wenige Daten. Zurzeit untersuchen wir diese Frage mithilfe des PSQ innerhalb des Deutschen Forschungsverbundes Neuropathischer Schmerz und der Datenbanken der Konsortien Innovative Medicine Initiative Europain und Neuropain. Da nicht jeder Patient mit einer Neuropathie auch Schmerz als Symptom entwickelt, kann man hier gleichzeitig die interessante Frage untersuchen, ob eine erhöhte Schmerzempfindlichkeit mit dem Schmerz oder unabhängig vom Schmerz mit der Grunderkrankung (z. B. diabetische Neuropathie) zusammenhängt. Schlussfolgerungen Insgesamt hat sich der Pain Sensitivity Questionnaire (PSQ) als reliables und valides Instrument erwiesen, um die allgemeine Schmerzempfindlichkeit auf überschwellige Schmerzreize abzuschätzen. Gegenüber der experimentellen Schmerzmessung hat der PSQ sowohl Vorteile als auch Nachteile. Der hauptsächliche Nachteil ist die Verwendung eines vorgestellten statt eines real vorhandenen Schmerzreizes, was zu einer Verzerrung, z. B. durch einen Erinnerungsbias, führen kann. Allerdings sind Schmerzbewertungen immer subjektiv, und die experimentelle Schmerzintensitätsmessung beruht ebenso wie der PSQ auf einer numerischen (oder visuellen) Schmerzskala. Der PSQ erhebt die allgemeine Schmerzempfindlichkeit als Mittel über verschiedene Körperregionen und Schmerzarten, eine gezielte Testung bestimmter Körperregionen oder Schmerzmodalitäten ist nicht möglich. Vorteile des PSQ sind die Verwendung von Schmerzsituationen aus dem Alltag (gegenüber den oft als artifiziell empfundenen experimentellen Schmerzreizen), die Mittelung über insgesamt 14 Fragen (die zufällige Fehler reduzieren kann), und die einfache und schnelle Durchführung, die den Einsatz in großen Kollektiven, z. B. in epidemiologischen Studien, erlaubt. Referenzen 1. Abrishami A, Chan J, Chung F, Wong J. Preoperative pain sensitivity and its correlation with postoperative pain and analgesic consumption: a qualitative systematic review. Anesthesiology 2011; 114: 445–57. 2. Giesecke T, Gracely RH, Grant MA et al. Evidence of augmented central pain processing in idiopathic chronic low back pain. Arthritis Rheum 2004; 50: 613–23. 3. Maixner W, Fillingim R, Booker D, Sigurdsson A. Sensitivity of patients with painful temporomandibular disorders to experimentally evoked pain. Pain 1995; 63: 341–51. 4. Schoenen J, Bottin D, Hardy F, Gerard P. Cephalic and extracephalic pressure pain thresholds in chronic tensiontype headache. Pain 1991; 47: 145–9. 5. Edwards RR, Sarlani E, Wesselmann U, Fillingim RB. Quantitative assessment of experimental pain perception: multiple domains of clinical relevance. Pain 2005; 114: 315–9. 6. Yarnitsky D. Conditioned pain modulation (the diffuse noxious inhibitory control-like effect): its relevance for acute and chronic pain states. Curr Opin Anaesthesiol 2010; 23: 611–5. 7. Ruscheweyh R, Marziniak M, Stumpenhorst F et al. Pain sensitivity can be assessed by self-rating: Development and validation of the Pain Sensitivity Questionnaire. Pain 2009; 146: 65–74. 8. Ruscheweyh R, Verneuer B, Dany K et al. Validation of the pain sensitivity questionnaire in chronic pain patients. Pain 2012; 153: 1210–8. 9. Duchow J, Schloricke E, Hüppe M. Self-rated pain sensitivity and postoperative pain. Schmerz 2013; 27: 371–9. 10. Kil HK, Kim WO, Chung WY et al. Preoperative anxiety and pain sensitivity are independent predictors of propofol and sevoflurane requirements in general anaesthesia. Br J Anaesth 2012; 108: 119–25. 11. Hermesdorf M, Berger K, Baune BT et al. Pain Sensitivity in Patients With Major Depression: Differential Effect of Pain Sensitivity Measures, Somatic Cofactors, and Disease Characteristics. J Pain 2016; 17: 606–16. Conferences 29

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