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CONNEXI 2017-02 Schmerz

Warum es weh tut

Warum es weh tut Conferences Prof. Dr. med. Karl Meßlinger messlinger@physiologie1.uni-erlangen.de ähnlichen therapeutischen Effekt haben kann wie die schon länger bekannte transkranielle Vagusnerv-Stimulation [11, 12]. Dass die Entzündung von Gehörgang und des Mittelohrs sowie der Nebenhöhlen sehr schmerzhaft sein kann, ist lange bekannt und plausibel, da diese Räume durch nozizeptive Fasern dicht innerviert sind [13]. Doch es überrascht, dass möglicherweise auch das Innenohr mit der nozizeptiven Verarbeitung zu tun hat. Japanische Kollegen haben entdeckt, dass die Hyperalgesie, die nach einer experimentellen peripheren Nervenschädigung bei Ratten entsteht, unter experimentell herabgesetzten Luftdruckbedingungen (um 27 hPa) verstärkt ist [14]. Wird nun chemisch die Innenohrfunktion zerstört, so dass die Gleichgewichtsfunktion des Ohres ausfällt, so ist dieser Effekt der Luftdruckabsenkung nochmal deutlich stärker. Dass dies eine spezifische Funktion des Luftdrucks ist, wurde dadurch gezeigt, dass die verstärkte Hyperalgesie bei Absenkung der Temperatur nicht auftritt [15]. Es ist bislang völlig unklar, wo der Sensor für die Luftdruckperzeption liegt. Neue experimentelle Befunde zeigen überraschende Interaktionen zwischen den neuronalen Mechanismen der klassischen Sinne wie Riechsinn, Geschmackssinn und Gleichgewichtssinn mit nozizeptiven Vorgängen, die der Schmerzentstehung zugrunde liegen. Die genauere Kenntnis dieser gegenseitigen Beeinflussungsvorgänge könnte in Zukunft auch für schmerztherapeutische Maßnahmen an Bedeutung gewinnen. Referenzen 1. Bove GM et al. Primary afferent neurons innervating guinea pig dura. J Neurophysiol 1997; 77: 299–308 2. Nakajima J. Funktionelle Untersuchungen zur Innervation der nasalen Mucosa durch meningeale Afferenzen. Erlangen. 2015 3. Gottselig R et al. Noxious chemical stimulation of rat facial mucosa increases intracranial blood flow through a trigeminoparasympathetic reflex – an experimental model for vascular dysfunctions in cluster headache. Cephalalgia Int J Headache 2004; 24: 206–14. 4. Schaefer ML et al. Trigeminal collaterals in the nasal epithelium and olfactory bulb: a potential route for direct modulation of olfactory information by trigeminal stimuli. J Comp Neurol 2002; 444: 221–6. 5. Genovese F et al. Frings S Possible role of calcitonin generelated peptide in trigeminal modulation of glomerular microcircuits of the rodent olfactory bulb. Eur J Neurosci 2016 Nov 27. [Epub ahead of print]. 6. Tizzano M et al. Chemosensors in the Nose: Guardians of the Airways. Physiology 2013; 28: 51–60. 7. Daiber P et al. Neuropeptide receptors provide a signalling pathway for trigeminal modulation of olfactory transduction. Eur J Neurosci 2013; 37: 572–82. 8. Lötsch J et al. Smell of pain: intersection of nociception and olfaction. Pain 2016; 157: 2152–7. 9. Safi S et al. Myelinated Axons in the Auricular Branch of the Human Vagus Nerve. Anat Rec (Hoboken) 2016; 299(9): 1184–91. 10. Straube A et al. Treatment of chronic migraine with transcutaneous stimulation of the auricular branch of the vagal nerve (auricular t-VNS): a randomized, monocentric clinical trial. J Headache Pain 2015; 16: 543. 11. Silberstein SD et al. Chronic migraine headache prevention with noninvasive vagus nerve stimulation: The EVENT study. Neurology 2016; 87: 529–38. 12. Gaul C et al. Non-invasive vagus nerve stimulation for PRE- Vention and Acute treatment of chronic cluster headache (PREVA): A randomised controlled study. Cephalalgia Int J Headache 2016; 36: 534–6. 13. Franz B et al. The effect of the sympathetic and sensory nervous system on active eustachian tube function in the rat. Acta Otolaryngol (Stockh) 2007; 127: 265–72. 14. Funakubo M et al. The rate and magnitude of atmospheric pressure change that aggravate pain-related behavior of nerve injured rats. Int J Biometeorol 2011; 55: 319–26. doi. 15. Funakubo M et al. The inner ear is involved in the aggravation of nociceptive behavior induced by lowering barometric pressure of nerve injured rats. Eur J Pain Lond Engl 2010; 14: 32–39. 38

The Story Behind® Eine Frage der Proportionen Michael Kaplan, Edinburgh Aus der Sicht eines Schmerzgeplagten hat der Schmerz eine simple, wenn auch unangenehme, Funktion: Es ist das Signal, dass etwas nicht stimmt. Krankheit, Trauma oder übermäßiger Verschleiß... sie offenbaren sich in vertrautem Schmerz, einem Stich oder auch in unsäglicher Pein. Tatsächlich ist der Schmerz am wenigsten zu ertragen, der ohne ersichtlichen Grund daherkommt; irgendwie scheint das Gefühl, der Schmerz habe doch seinen Zweck, es dem Verstand zu erlauben, eine gewisse Kontrolle über diesen Ansturm der Empfindungen zu erlangen. Wenn wir sagen „Da stimmt etwas nicht.“, meinen wir für gewöhnlich, dass etwas aus dem Lot geraten ist, es ist nicht normal ... Es ist herausgerückt aus dem Zentrum einer Harmonie, in dem ansonsten Friede und Ruhe herrschen. Auch dieses Schmerzding hat etwas Unverhältnismäßiges, Disproportioniertes an sich, etwas, das herausragt, uns stolpern lässt, wie ein Stein auf einer Straße. Demgegenüber verbinden wir Harmonie in den Proportionen (insbesondere beim menschlichen Körper) mit Gesundheit und Glück. Seit den Tagen von Pythagoras, vor 2.500 Jahren, haben sich die Gelehrten um die Proportionen bemüht – das Verhältnis, die Ratio –, die Schmerzen oder auch Vergnügen verursachen kann. Selbst das Wort rational, vernünftig, findet seinen Ursprung in dem lateinischen Wort ratio. Der goldene Schnitt (1,618033988), die proportio divina, schmeichelt dem Auge. Man entdeckt sie in vielen Kulturen, in Leonardo da Vincis vitruvianischem Menschen (Abbildung), aber auch in der Architektur einer Moschee. Wissenschaftliche Gleichungen beschreiben von der interstellaren Strahlung bis zum subatomaren Spin vieles in proportionalen Kennzahlen. Die Fibonacci-Folge natürlicher Zahlen findet sich in Naturphänomenen von dem geometrischen Wachstum der Pflanzen bis hin zum genetischen Erbmaterial des Menschen. Aber es gibt auch eine „Ratio“, die garantiert für Schmerzen sorgt, sie spielt in der traditionellen Kultur der westlichen Welt eine Rolle. Im Mittelalter wurde sie dem Teufel zugeschrieben, und wurde gemieden wann immer sie zu entstehen drohte. Sie wiederzugeben war bis vor kurzem unter Berufskollegen, aber auch im Publikum, verpönt, ein Fauxpas, der eine ernste Rüge zur Folge haben konnte. Aber wie der Schmerz hat sie auch ihr Gutes. Ist es? 1. 1.40625…, 2. 0.00729… oder 3. 2.71828…? Senden Sie uns Ihre Antwort über unsere Website Unter den richtigen Einsendungen verlosen wir ein Buch über Wissenschafts- und Medizingeschichte. Education 39

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