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CONNEXI 2017-02 Schmerz

Blick über den Teich

Blick über den Teich Opioid-Schmerzmittel-Abhängigkeit – wie gehen wir damit um? Opioide sind als die stark wirksamen Analgetika in der medikamentösen Schmerztherapie unverzichtbar. Auch bei chronischen nichttumorbedingten Schmerzen ist ihr Einsatz inzwischen unbestritten und dient der Verbesserung der Lebensqualität der Patienten. Werden Opioide jedoch in der falschen Formulierung, in einer falschen Indikation oder zu lange verordnet, begünstigt man eine Fehlversorgung, die bis hin zur Entwicklung einer Abhängigkeit führen kann. Darüber, welche Bedeutung die iatrogene Opioidabhängigkeit in Deutschland hat, diskutierten Schmerz- und Suchtexperten auf einem Satellitensymposium der Firma Indivior Deutschland GmbH anlässlich des Deutschen Schmerzkongresses vom 19. bis 22. Oktober 2016 in Mannheim. Education Vor allem in den USA hat ein allzu leichtfertiger Umgang mit kurzwirksamen Opioiden zu einem ernsthaften Drogenproblem mit epidemischem Ausmaß geführt. Die US-Gesundheitsbehörde CDC schätzt, dass 2013 zwei Millionen US-Amerikaner von opioidhaltigen Medikamenten abhängig waren. Die Verschreibungen der Schmerzmittel hatten sich seit der Jahrtausendwende verdreifacht, ebenso wie die Zahl der Todesfälle. Bei den missbräuchlichen Verschreibungspraktiken und dem Fehlgebrauch von Opioiden sind insbesondere Fentanyl und das Oxycodon zu nennen. Auch prominente Opfer tauchten immer wieder in den Schlagzeilen auf: Im April 2016 starb der Musiker Prince nach einer Überdosis Fentanyl, 2009 erlag der Schauspieler Heath Ledger seiner Schmerzund Beruhigungsmittelsucht. Im Jahr 2015 betrug nach Angaben der American Society of Addiction Medicine (ASAM) die Zahl der Todesfälle durch Überdosierung verschreibungspflichtiger Opioidanalgetika 20.101, zusätzlich starben aufgrund von Überdosierung 12.990 Personen durch das Comeback des chemisch eng verwandten Heroins [1]. Ein Jahr zuvor hatte die American Academy of Neurology (AAN) in einem Statement beklagt, dass seit Ende der 1990er-Jahre in den USA mehr Menschen an den Folgen des Opioidgebrauchs gestorben seien als durch Schusswaffen und bei Verkehrsunfällen [2]. Lassen sich diese katastrophischen US-amerikanischen Verhältnisse auf Deutschland übertragen? Hier ist die klare Antwort: Nein! Nach aktuellen Daten des Bundeskriminalamts sind tödliche Zwischenfälle aufgrund von Überdosierungen durch opioidbasierte Arzneimittel in Deutschland selten. 2015 verstarben durch eine monovalente Vergiftung mit opioidbasierten Arzneimitteln 30 Personen, durch polyvalente Vergiftungen 74 [3]. Allerdings ist auch hierzulande die Anzahl der Opioidverordnungen, Abrechnungsdaten der gesetzlichen Krankenkassen (GKV) zufolge, im letzten Jahrzehnt spürbar angestiegen. Im Beobachtungszeitraum von 2000 bis 2010 hatte sich die Anzahl der abgegebenen Tagesdosen (DDD) in Deutschland mehr als verdoppelt und lag im Jahr 2002 erstmals über der der Nicht-Opioid-Analgetika [4]. Es ist demnach wenig verwunderlich, dass die Verschreibung von Opioiden ein vielfach und kontrovers diskutiertes Thema geblieben ist. Triebfeder des Diskurses ist die auch in Deutschland zunehmende Verordnungshäufigkeit dieser stark wirksamen Analgetika auch an Patienten mit chronischen nichttumorbedingten Schmerzen (CNTS). Risiko Opioidabhängigkeit – Prävalenz, Inzidenz und sozioökonomische Daten aus Deutschland Auf Basis der Daten des Epidemiologischen Suchtsurveys (ESA) 2012 kann davon ausgegangen werden, dass annähernd zwei Drittel der 18- bis 64-Jährigen in den letzten zwölf Monaten ein Analgetikum eingenommen haben [5]. Doch obwohl Schmerzmedikamente damit die 48

Blick über den Teich mit Abstand am häufigsten eingenommenen Arzneimittel sind, liegen über ihr Missbrauchs- und Abhängigkeitspotenzial in Deutschland kaum Zahlen vor, wie Prof. Dr. Dr. med. Thomas R. Tölle, München, ausführte. International gelten je nach Literaturangabe 5 % bis zu 10 % der mit Opioiden behandelten Schmerzpatienten als Risikopatienten für eine Suchtentwicklung. In einer von Marschall et al. ausgewerteten Versichertenstichprobe der Barmer GEK lag die Prävalenz einer Langzeit-Opioid-Verordnung (definiert als mindestens eine Opioidverordnung pro Quartal für wenigstens drei aufeinanderfolgende Quartale) bei 1,3 % und die gepoolte 1-Jahres-Prävalenz für Fehlgebrauch und Abhängigkeit (definiert als eine stationäre Behandlung auf Grund von psychischen und Verhaltensstörungen bedingt durch Alkohol, Opioide, Beruhigungsmittel, Gebrauch verschiedener Substanzen, Schlafmittelintoxikationen) bei 0,008 % [6]. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt eine repräsentative Untersuchung zur Prävalenz von Opioid- Risikopatienten in der GKV-Datenbank in 2014 [8]. Aus der Grundgesamtheit von ca. 4 Mio. Patienten wurde 2014 ca. 31.000 Patienten, die sich weder in einer Substitutiontherapie befanden, noch an Krebs erkrankt waren, jeweils mindestens einmal in drei aufeinander folgenden Quartalen ein Opioid verordnet. Hochgerechnet auf die Gesamtbevölkerung erhielten demnach in Deutschland etwa 640.000 Personen (0,8 %) eine Langzeit- Opioidtherapie. Von diesen wurde etwa ein Viertel Education 49

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