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CONNEXI 2017-02 Schmerz

Evidenzlage Edukation

Evidenzlage Edukation von Kopfschmerzpatienten Charly Gaul, Königstein im Taunus Bei Kopfschmerzerkrankungen, insbesondere bei der Migräne, handelt es sich um neurologische Erkrankungen, die mit einer hohen Beeinträchtigung einhergehen. Sie berühren letztlich alle Lebensbereiche und beeinflussen die Funktionsfähigkeit der Betroffenen sowohl im sozialen, im privaten wie auch im beruflichen Umfeld. Conferences Die Migräne ist eine Modellerkrankung für ein bio-psycho-soziales Krankheitsverständnis, welches heute konzeptionell dem Behandlungsansatz chronischer Schmerzen zugrunde liegt. Es besteht eine genetische Disposition, die sich unter bestimmten Umwelt- oder Umgebungsbedingungen manifestiert. Psychosoziale Belastungen und soziale Bedingungen tragen dann sowohl zur Ausprägung des klinischen Bildes (Anfallshäufigkeit, Risiko der Chronifizierung u. a.) als auch zu den Folgen der Erkrankung bei. Von Seiten der Neurophysiologie gibt es Hinweise auf eine erhöhte kortikale Exzitabilität mit einer verminderten Habituation, das heißt, Migränepatienten haben Schwierigkeiten zu entspannen und abzuschalten. Sie sind im Alltag häufig hypervigilant und 8

Evidenzlage richten ihre Aufmerksamkeit auf viele Faktoren gleichzeitig. Lernprozesse spielen darüber hinaus bei der Krankheitsentstehung eine relevante Rolle. Dies betrifft den Umgang mit der Erkrankung und andere Aspekte, zum Beispiel wie die Umwelt auf die Erkrankung reagiert (Ehepartner oder Familie, Arbeitskollegen) oder wie häufig ebenfalls Betroffene weitere Familienangehörige mit der Erkrankung umgehen (Lernen am Modell). Darüber hinaus hat nicht nur das Verhalten, sondern auch der Umgang mit der Medikation einen Einfluss auf den Erkrankungsverlauf. Dieses modellhafte Zusammentreffen von biologischen, psychischen und sozialen Faktoren lässt bereits konzeptionell viel Raum für eine Patientenedukation erkennen und für die Möglichkeit die Erkrankung dadurch zu beeinflussen. Ziele der Patientenedukation bei Kopfschmerzpatienten sind [1, 2]: •• ein eigenverantwortlicher Umgang mit der Erkrankung, •• die Erhöhung von Motivation und Adhärenz für nichtmedikamentöse Verfahren, •• den adäquaten Einsatz einer geeigneten medikamentösen Therapie, •• Stärkung von Selbstwirksamkeit und Kontrollüberzeugungen (locus of control), •• der Schutz vor nichtsachgerechter Information. Ohne sachgerechte Information und Edukation begeben sich Patienten häufig im Internet auf die Suche nach weiteren Informationen und sehen sich dabei einer Fülle von Erklärungsmodellen für Kopfschmerzerkrankungen und Therapievorschlägen ausgesetzt, die sie ganz überwiegend inhaltlich nicht bewerten können. Die Betroffenen sind nicht in der Lage seriöse, evidenzbasierte Informationen von nicht sachgerechter Information und primärer Werbung zu unterscheiden. Gerade weil bei der Migräne so viele Faktoren (Ernährung, Verhalten, Wetterbedingungen u. a.) aus der Sicht der Betroffenen einen Einfluss zu nehmen scheinen, öffnet dies das Tor für unterschiedlichste Modelle und Therapien. Letztlich muss der betroffene Kopfschmerzpatient versuchen, selbst zum Experten seiner Erkrankung zu werden. Unterschiedliche Wege Für die Patientenedukation stehen unterschiedliche Wege zur Verfügung. Die zentrale Basis bildet das ärztliche Gespräch. Die Diagnosestellung von Kopfschmerzerkrankungen erfordert eine sorgfältige Anamnese, die gleichzeitig genutzt werden kann, Symptome der Erkrankung zu erläutern. Daran anschließen sollten sich Therapieempfehlungen. Auch wenn möglicherweise im Versorgungsalltag unzureichend Zeit zur Verfügung steht, ist das kurze ärztliche Aufklärungsgespräch über die richtige Einnahme der Medikation oder eine Warnung (advice alone) vor der zu häufigen Einnahme von Akutmedikation und dem damit verbundenen Risiko eines Medikamentenübergebrauchs bereits wirksam. Idealerweise haben Betroffene die Gelegenheit eine Patientenschulung zu besuchen, dies kann im Rahmen von ambulanten, teilstationären oder stationären multimodalen Therapiekonzepten erfolgen. Steht ein solches Angebot nicht zur Verfügung, kann auch mit schriftlichem Informationsmaterial (Bibliotherapie) gearbeitet werden. Geeignetes Material zur patientengerechten Edukation von Kopfschmerzerkrankten zeigt eine Wirksamkeit auf den Krankheitsverlauf. Eine neue Alternative stellen internetbasierte Edukationsprogramme dar, auch hier wurden erste Programme bereits bzgl. ihrer Wirksamkeit evaluiert [1, 2]. Ein wesentlicher Bestandteil der Patientenedukation kann auch über Selbsthilfeorganisationen erfolgen. In Deutschland ist mit der MigräneLiga e.V. [3] eine Selbsthilfeorganisation vertreten, die durch eine umfangreiche Mitgliederzeitschrift, weiteres Informationsmaterial und deutschlandweiten 9 Conferences

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