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CONNEXI 2019-3 Neurologie

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PARKINSON-SYNDROM

PARKINSON-SYNDROM Abbildung 1: Akute, beidseitige Blepharokonjunktivitis bei einer 92-jährigen Patientin mit langjährigem idiopathischem Parkinson-Syndrom. Die Patientin gab zunächst ein Brennen bzw. Jucken im Bereich der Augen und im weiteren Verlauf ein Verkleben der Wimpern und Augenlider sowie eine Rötung und Schwellung an. Ein Abstrich ergab den Nachweis einer Infektion mit Staphylokokken. Es erfolgte eine mehrtägige intensivierte Augenhygiene und lokale Antibiotika-Gabe. CONFERENCES Ophthalmologische Komplikationen beim idiopathischen Parkinson- Syndrom Das typische Erscheinungsbild eines Patienten mit einem idiopathischen Parkinson-Syndrom wird dominiert durch motorische Symptome. Zusätzlich finden sich bei genauer Diagnostik aber auch eine Reihe von nichtmotorischen Symptomen, welche durch eine Mitbeteiligung des autonomen Nervensystems im Rahmen der globalen Neurodegeneration hervorgerufen werden können: Neben Riech- und Geschmacksstörungen, Obstipation und Harninkontinenz sind Sehstörungen ein häufiges Symptom. Probleme des Sehens sind für den Patienten sehr belastend, für den Arzt schwer zu behandeln und für den Wissenschaftler noch unzureichend erklärt. Sehstörungen führen regelhaft zu einer Minderung der Lebensqualität [1], insbesondere, da Patienten mit einem Parkinson-Syndrom zur Kompensation der motorischen Komplikationen, wie z. B. der Gangstörung, notwendigerweise auf ein funktionierendes Sehen angewiesen sind. 78 % aller Parkinson-Patienten berichten von mindestens einer visuellen Störung [2]: Am häufigsten zeigen sich ein vermindertes Kontrastsehen [3, 4], eine reduzierte Farbdiskriminierung [3], eine verminderte Blinzelfrequenz [5], ein Blepharospasmus bzw. eine Lidapraxie [6], Doppelbilder [7] und visuelle Halluzinationen [8, 9, 10]. Außerdem finden sich häufig weitere ophthalmologische Komorbiditäten, wie z. B. Infektionen [10] (Abbildung 1), trockene Augen (Keratokonjunktivitis sicca) [11] sowie Katarakte und Glaukome [12]. Nach derzeitigem Kenntnisstand wird eine multifaktorielle Genese als Ursache der visuellen Störungen angenommen: Es werden sowohl eine motorische Beeinträchtigung der Augenmuskeln und Augenlider im Rahmen der Akinese [13], eine Degeneration von dopaminsensitiven neuronalen Strukturen in der Netzhaut [13] und eine striatofrontale Dysfunktion [14] vermutet. Sehprobleme zeigen sich sowohl in frühen und in fortgeschrittenen Stadien als auch in unbehandelten und behandelten Patienten [2]. Eine Geschlechtspräferenz konnte nicht detektiert werden [2]. Neben Störungen im Bereich des Auges findet sich auch eine Beteiligung von extraokulären Strukturen, wie z. B. des Tränenapparates: Am häufigsten liegt eine Keratokonjunktivitis sicca [12] vor, welche sich durch brennende Schmerzen, Verschwommensehen und Lichtempfindlichkeit äußert. Die Ursache ist ebenfalls multifaktoriell und lässt sich durch einen Circulus vitiosus erklären: Die vegetative Denervierung im Rahmen der globalen Neurodegeneration [15] führt zu einer verminderten Sekretionsleistung der Tränendrüsen und somit zu einer Änderung der Tränenvolumina und der Zusammensetzung des Tränenproteoms. Zusätzlich kommt es aufgrund der Hypokinese [6, 17, 18] und einer verminderten kornealen Oberflächensensibilität [15] zu einer reduzierten Blinzelfrequenz, sodass die Tränenflüssigkeit schneller an der kornealen Oberfläche verdunstet. Die Folge sind kleinste Verletzungen im Bereich des vorderen Augenabschnittes, welche u.a. das Eindringen von Krankheitserregern erleichtern können. Eine chro- 58

PARKINSON-SYNDROM Glandula lacrimalis Hirnstamm Nucleus salivatorius superius nische Entzündung ist entstanden. Störungen der Tränendrüsensekretion scheinen in Patienten mit einem idiopathischen Parkinson-Syndrom linear mit dem Krankheitsstadium zu korrelieren [17]. Reduzierte Blinzelfrequenzen finden sich hierbei häufiger in fortgeschrittenen Stadien und waren annähernd normal in Patienten mit einem milden Schweregrad der Erkrankung [19]. Die Reduktion der Nervenfaserdichte in der Hornhaut von Parkinson-Patienten korrelierte mit Scores für autonome Symptome und einer parasympathischen Dysfunktion [20]. Warum Tränenflüssigkeit als Quelle für Biomarker? Im Allgemeinen hat die Tränenflüssigkeit als Quelle für Biomarker im Hinblick auf andere Körperflüssigkeiten mehrere Vorteile: Die Kollektion von Tränen mittels Filterpapierstreifen ist nicht invasiv, schmerzlos und zugleich preiswert. Es sind nur geringe Anforderungen im Hinblick auf die Mitarbeit des Patienten notwendig und bereits nach einer kurzen Einweisung ist eine standardisierte Entnahme von Tränenflüssigkeit durch medizinisches Personal mit einer niedrigen Fehlerquote möglich. Die Tränenflüssigkeit ist zudem eine reine Flüssigkeit ohne höhergradige Verunreinigung durch andere Flüssigkeiten, wie z. B. Blut, welche die Evaluation von bedeutsamen Proteinen stören könnte. Die Probenkollektion und -analyse von Tränen ist außerhalb von neurodegenerativen Erkrankungen bereits ausführlich validiert und etabliert. Aktuelle Studien konnten zudem parkinsonspezifische Veränderungen in verschiedenen Geweben und Körperflüssigkeiten nachweisen, welche eine enge anatomisch-topographische Nähe zum Tränendrüsenapparat aufweisen: So konnten z. B. Lewy-Körperchen in den Speicheldrüsen von Parkinson-Patienten [21] sowie erniedrigte Werte für Speicheldrüsen Abb. 2: Darstellung der gemeinsamen Innervation der Tränen- und Speicheldrüsen über parasympathische Nervenfasern aus dem Nucleus salivatorius superior über den Hirnstamm . -Synuklein [22,23] und erhöhte Konzentrationen von DJ-1 im Speichel von Parkinson-Patienten nachgewiesen werden [22]. Die Nervenfasern, welche die Speicheldrüsen innervieren, entstammen, ebenso wie die Nervenbahnen, welche die Tränendrüsen innervieren, aus einem gemeinsamen Kerngebiet, dem Nucleus salivatorius superior (Abbildung 2). Des Weiteren liegen diese Kerngebiete in enger anatomischer Nachbarschaft zum Hirnstamm, der nach aktuellem Stand der Forschung sehr früh im Krankheitsverlauf von pathophysiologischen Veränderungen betroffen ist [24]. Zudem wird im aktuellen wissenschaftlichen Diskurs eine aktive Sekretion [25] und Transmission von -Synuklein entlang von Nervenbahnen diskutiert [26, 27, 28]. Daher können eine Übertragung und Freisetzung von parkinsonassoziierten Proteinen über Neurone in die Tränenflüssigkeit vermutet werden. Neben dieser Reihe von Vorteilen gibt es jedoch auch mögliche Störfaktoren, welche zu beachten sind: Im Gegensatz zu Blut und Liquor besitzt die Tränenflüssigkeit keine direkte Verbindung zum zentralen Nervensystem und weist einen niedrigeren Proteingehalt auf [29]. Besonders bei älteren Menschen und in neurodegenerativen Erkrankungen sind eine verminderte Tränenflüssigkeits- Parasympathikus Sympathikus CONFERENCES 59

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